Au
SIE SIND HIER: Home | Newsarchiv

Aktuell

Aus dem Tagebuch der Nationalpark-Ranger

Zu Lande und zu Wasser – im Mai und Juni haben Schulklassen Hochsaison im Nationalpark!, erzählt Rangerin Martha Grubmüller.


Wenn sich das Schuljahr langsam dem Ende zuneigt, verlegen nicht wenige LehrerInnen das Klassenzimmer gerne nach draußen. Lange genug wurde die Theorie studiert, jetzt will man sich so manches in der Praxis anschauen. Und so kommen im Mai und Juni sehr viele Schulklassen zu uns – wobei das Publikum sehr breit gefächert ist und von VolkschülerInnen/ Kindergarten-Kindern bis StudentInnen reicht. Jede Gruppe hat ihre eigenen Ansprüche und will speziell betreut werden. Manchmal ist es gar nicht so einfach, sich blitzschnell von 7jährigen auf 18jährige umzustellen. Vorige Woche war so ein Tag – am Vormittag kam eine Gruppe 10jähriger zu einer Wanderung und am Nachmittag stand eine Donautour mit 18jährigen am Programm.

Eine Wiener Schulklasse (1.Klasse KMS) trifft um 9 Uhr ein - die meisten von ihnen sehr aufgeregt/interessiert – dutzende Fragen prasseln auf mich ein – und immer wieder die Frage aller Fragen: Was werden wir sehen? – Erwartet werden Bär, Wolf, Schlangen - Raubtiere halt – geboten werden meist (nur) Insekten, Vögel (mit viel Glück ein Eisvogel), Frösche und andere harmlose Tiere, aber (leider – oder Gott sei Dank!) keine wilden Raubtiere.

Bei einigen Kindern habe ich den Eindruck, es ist ihr erster näherer Kontakt mit der Natur. Bei manchen habe ich das Gefühl, als sei es das erste Mal, dass sie merken, Spinnen oder Käfer sind nicht nur dazu da, um von uns Menschen erschlagen zu werden, sondern sind wichtige Bausteine in einen Kreislauf. „Bewaffnet“ mit Becherlupen werden Spinnen, Wanzen, Käfer und Co. aus sicherer Entfernung im wahrsten Sinne des Wortes „unter die Lupe“ genommen. Und je länger sich die Kinder mit den vormaligen „Ekeltieren“ beschäftigen, desto mehr wandelt sich die Abscheu in Interesse. Plötzlich wollen sie wissen, wie der Käfer denn heißt, wie er lebt, was er frisst,…

Das sind die Momente, die ich bei meiner Tätigkeit am meisten liebe – wenn es (zumindest bei einigen) gelingt, Interesse und Verständnis für unsere Mitgeschöpfe zu wecken – kein Tier wird gerne zertreten, weder von Schuhgröße 30, noch von Schuhgröße 45.

Am Nachmittag geht’s mit einer 4. Klasse einer Tiroler Tourismusschule auf die Donau. Für die meisten Ranger ist die Donautour ihr Lieblingsprogramm – weil sie einen Hauch von Abenteuer in sich birgt. Und auch die Gäste sind meist beeindruckt von dem Gefühl, Wind und Wellen zu trotzen.


Mit 18jährigen kann man natürlich schon ganz schön fachsimpeln über Probleme, die sich aus der Donauregulierung oder den Staustufen westlich von Wien ergeben. Sie wissen erstaunlich viel - aus der Schule oder den Medien. Aber 18jährige sind soooooo viel „cooler“ als 10jährige. Und Begeisterung für die Natur zu zeigen, ist anscheinend definitiv „uncool“.
Ich versuche, ihnen nicht nur Fakten mitzugeben, sondern (hoffentlich) auch ein bisschen ein Gefühl dafür, dass wir uns hier im einzigen noch intakten Auwald Mitteleuropas befinden, und dass es letztlich von ihnen und ihrer Generation abhängt, ob das auch so bleibt.

Am Abend lasse ich den Tag nochmal Revue passieren – zwei unterschiedliche Gruppen, zwei unterschiedliche Herangehensweisen an das Abenteuer Natur. Für mich geht es dabei nicht nur um die Vermittlung von Wissen, sondern vor allem um das Wecken von Interesse und Verständnis für die Natur (ob in oder außerhalb von Schutzgebieten).

Einer meiner Lieblingssprüche dazu lautet: „Wenn du ein Floß bauen willst, befiehl deinen Männern nicht, in den Wald zu gehen, Bäume zu fällen und daraus ein Floß zu bauen. Sondern lehre sie die Sehnsucht nach der unendlichen Weite des Meeres“.
Nur wenn wir es schaffen, unser Gäste (ob jung oder alt) auch gefühlsmäßig zu erreichen, wird es gelingen unsere kostbaren Naturschätze auf Dauer zu erhalten.


Martha Grubmüller
Nationalpark-Rangerin