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17.06. 2021

Marchfeld – gar nicht fad

Erlebnisse der Kindheit prägen den weiteren Verlauf des Lebens. Diese Erkenntnis wurde mir im Rahmen meiner Vortragstätigkeit für die Ausbildungslehrgänge der Naturvermittlerinnen und -vermittler der Niederösterreichischen Landesausstellung 2022 sowie der Rangerinnen und Ranger des Nationalpark Donau-Auen neuerlich bewusst. Deutlich erinnere ich mich an meine ersten Eindrücke der Marchfeldlandschaft, als meine Eltern und ich an einem durch und durch grauen Novembertag das Grundstück in Lassee besichtigten, das mein Onkel und meine Tante zwecks Errichtung eines Wochenendrefugiums erworben hatten.

Die Landschaft flach und eintönig. Im Sommer wogende Getreidefelder und Kukuruz bis zum Horizont. Schön, ja vielleicht, aber fad. Es folgten furchtbar langweilige Wochenenden in der scheinbar ereignislosen Steppe. Das änderte sich jedoch mit einem Male, als sich acht etwa gleichaltrige Freunde fanden und begannen, die Umgebung nach unheimlichen Plätzen und mysteriösen Vorgängen, die es in der Vorstellung von 10 bis 12jährigen einfach geben musste, zu durchsuchen. Die letzten Schultage des Jahres 1972 zerbarsten vor Spannung, da ich diesen Sommer erstmals im Marchfeld verbringen durfte.

Der Rußbach war unser Orinoko, der Stempfelbach unser Sambesi. Die – natürlich unbekannten und noch niemals zuvor von einem Menschen betretenen - Quell- und Mündungsgebiete dieser beiden großen Ströme des Marchfeldes wurden Ziel groß angelegter Expeditionen. Mit selbst geschnitzten Holzspeeren, Seilen und Leitern bewaffnet zogen wir los, um in unbekannte Welten vorzustoßen. In beiden Fällen erreichten wir die Quellen der Bäche nicht, also wandten wir uns in Richtung der Mündungen. Vorbei an verfallenen Brückenfundamenten – natürlich Zeugen längst versunkener Kulturen, deren Namen niemand mehr kannte – erreichten wir das Delta des Stempfelbaches, welches sich unmittelbar hinter Markthof (einem Ort, in dem sich Schreckliches zugetragen haben musste, weil man keinen Menschen auf den Straßen sah) über hunderte Kilometer weit verzweigt in den noch größeren Strom der March ergoss.

Wir mussten das Paradies entdeckt haben. Noch nie zuvor hatten wir einen harmonischeren Ort gesehen. Bizarre, uralte Kopfweiden auf sanften Wiesen, dahinter der sattgrüne Auwald. Schwärme von Insekten in der Luft, schwere, feuchte Hitze. Wir hatten es geschafft! Wir durften uns in die ehrenwerte Entdeckergesellschaft eines Henry Morton Stanley oder Francisco Pizarro einreihen. Diese Expeditionen wurden ausgeweitet. Nicht nur der völlig verwilderte Park von Schloss Hof, dessen Mauern wir in einer Vollmondnacht überstiegen, auch das völlig desolate Schloss Niederweiden weckte in mir jene Stimmung, die Gerhard Fritsch in seinem Roman Moos auf den Steinen so eindringlich in Worte fassen konnte.

Als wir, schon etwas älter, die nahen Donau-Auen um Stopfenreuth erreichten, eröffnete sich eine neue, größere Dimension des Erlebens. Über die Jahre erfuhren wir spannende Geschichten und lernten die historischen Hintergründe dieses Landstrichs kennen. Und sehr früh wurde mir bewusst, dass dieses nordöstliche Eck Niederösterreichs eine historische Schlüssellandschaft Europas darstellt, in dem durch naturräumliche und geographische Umstände begünstigt, eine Unzahl bedeutender Ereignisse stattfanden, die den Lauf der gesamtösterreichischen Geschichte bestimmten.

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Diese Erlebnisse beeinflussten nicht nur den Entschluss, Geschichte und Biologie zu studieren. Sie erleichterten vor allem meinen Entschluss, mich 1982 den Bürgerinitiativen gegen den Bau des Kraftwerkes Hainburg anzuschließen und 1984 die Besetzung der Stopfenreuther Au mit zu organisieren.

Die enorme Fülle an Geschichten, Fakten, aber auch emotionalen Momenten, die diese Landschaft zu bieten hat zu vermitteln ist keine einfache Aufgabe. Sie wird mir aber dadurch erleichtert, dass die Teilnehmenden der Lehrgänge sich sehr interessiert an der Materie zeigen und eine lange Liste von spannenden Fragen formulierten, die weitere, tiefer gehende Recherchen nach sich ziehen.

Einige dieser Fragen bezogen sich naturgemäß auf den Wandel der Landschaft unter menschlichem Einfluss, etwa auf das Verschwinden von Trockenrasen und Sanddünen. Niemals hätte ich vor 50 Jahren gedacht, dass jene Erdpreßhöhe, in deren Sandwälle wir tiefe Höhlen gegraben hatten eines Tages als Brutareal des Bienenfressers unter Schutz gestellt sein würde. Verschwunden sind die hoch aufgeschichteten Heuschober, die einst überall zu sehen waren und wunderbare Klettertürme waren. Hinter jedem Prozess steht eine spannende Geschichte.

Die vielfältigen persönlichen Hintergründe und Ausbildungen der Kursteilnehmenden werden viel Neues ans Tageslicht befördern, neue Geschichten, neue Forschungsergebnisse. Ich freue mich schon sehr auf die gemeinsame Arbeit in dieser ganz und gar nicht langweiligen Region und bin sicher, dass wir vielen Gästen das Besondere dieser Landschaft deutlich machen können, um ein bedeutendes Natur- und Kulturerbe zu bewahren und weiterzugeben.

Manfred Rosenberger, MSc, MAS, MA
Nationalpark-Ranger

Das Grundmodul „Zertifikatslehrgang Naturvermittlung“ und das Aufbaumodul „Zertfifikatslehrgang zum Nationalpark-Ranger" werden im Zuge des Ecoregion SKAT Projektes durchgeführt. Dieses wird im Rahmen des EU Programms INTERREG V-A SK-AT kofinanziert.

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